Startschuss für den Live Music Fund Germany beim Reeperbahn Festival

Bundesstiftung LiveKultur stellt neue Brancheninitiative vor – Stimmen aus Politik, Kultur und Branche betonen Solidarität und Handlungsdruck

Beim Panel „Imagine Togetherness – Wie wir die Zukunft der Livemusik sichern“ auf dem Reeperbahn Festival wurde heute die Gründung des Live Music Fund Germany durch die Bundesstiftung LiveKultur offiziell bekannt gegeben. Der Fonds startet zum 1. Januar 2026 und will die Basis der Livemusikkultur – Clubs, Newcomer*innen, unabhängige Veranstaltende und Festivals – solidarisch absichern.

Der Fonds reagiert auf die enorme Schieflage in der Branche: Während Superstars Stadien füllen und Ticketpreise Rekordhöhen erreichen, kämpfen kleine und mittlere Spielstätten mit Kostenexplosionen, fehlender Planungssicherheit und Publikumsrückgang.

Das mediale Echo auf den Fonds fiel breit aus:

Einige Zitate aus der Paneldiskussion:

Benjamin Fischer – Wirtschaftsredakteur, Frankfurter Allgemeine
Zeitung

„Der britische Music Venue Trust ist das Vorbild – dort haben schon Stars wie
Coldplay, Katy Perry & Sam Fender verstanden, dass die Basis gesichert
werden muss.“

„Die Dringlichkeit ist da. Bilder ausverkaufter Stadien täuschen darüber
hinweg, wie stark die Grassroot Venues unter Druck stehen.“

Pamela Schobeß – Club Gretchen (Berlin), Vorstandsmitglied
LiveMusikKommission e.V.

„Unsere Umsatzrendite liegt unter 1 %. Junge Bands und Nischenprogramme
können wir ohne Unterstützung kaum noch stemmen.“

„Politik darf man nie aus der Verantwortung lassen – und die Großen müssen
in die Pflicht genommen werden, notfalls auch ohne Freiwilligkeit.“

Berthold Seliger – Geschäftsführer, Berthold Seliger – Büro für Musik,
Texte und Strategien

„In den Clubs schlägt das Herz der Livekultur – sie sind Möglichkeitsräume
und Wunschmaschinen. Ohne sie stirbt die Vielfalt.“

„Ich glaube nicht, dass die Großkonzerne freiwillig etwas abgeben. Die
Regeln muss die Politik setzen – fangen wir mit den Ticketingunternehmen
an.“

Carsten Brosda – Senator für Kultur und Medien, Hamburger Senat

„Die Idee des Fonds liegt seit Jahren auf dem Tisch. Aus der Branche heraus
anzufangen ist ein wichtiger Schritt, jetzt müssen auch die Großen
mitziehen.“

„Wir dürfen nicht um das Instrument streiten, sondern um das Problem. Wer
heute von Superstars profitiert, muss helfen, die Basis zu sichern.“

„Der Musikmarkt wächst insgesamt, doch die Verschiebungen zugunsten der
Superstars sind enorm. Wir müssen uns fragen, wer in zehn Jahren diese
Superstars überhaupt noch sein werden. Deshalb brauchen wir eine Abgabe,
mit der Mittel von den großen Unternehmen abgeschöpft und wieder in die
Breite des Marktes zurückgeführt werden.“

Christopher Annen – Vorstandsmitglied, Pro Musik

„Es geht darum, Mittel von den Großen an die Kleinen umzuleiten, damit das
Ökosystem aus Musiker*innen, Clubs und Labels lebendig bleibt.“

Martin Rabanus (SPD) – Sprecher für Kultur und Medien, SPD-Arbeitsgruppe Kultur und Medien

„Ich habe ein Problem mit reiner Freiwilligkeit – warum sollten große Player
freiwillig abgeben? Es braucht klare Regeln und im Zweifel ein Gesetz.“

„Den Nachwuchsmusiker*innen eine Bühne zu geben, ist das große Potenzial
des Fonds. Das ist ein mutiger Schritt nach vorn.“

David Schliesing (Die Linke) – Mitglied des Bundestages

„Die Freiheit der Kunst wird zur Illusion, wenn sie im Alltag an der
Finanzierung scheitert.“

„Mein Glaube daran, dass der Markt das allein regelt, ist gering. Wir müssen
präventiv tätig werden und das Thema im Ausschuss auf die Agenda setzen
– es ist besser, früh zu handeln, als später nur zu reagieren.“

„An der Basis erodieren Clubs und kleine Veranstalter. Was nützt mir eine
Kulturszene, wenn sie nicht mehr da ist?“

Detlef Schwarte – Direktor, Reeperbahn Festival

„Das Motto des Reeperbahn Festivals lautet ‚Imagine Togetherness‘ – der
Live Music Fund ist genau dafür ein Paradebeispiel.“

„Nur wenn wir kollektiv denken und handeln, können wir die Livemusikkultur
langfristig sichern.“

Felix Grädler – Initiator Live Music Fund, Vorstand Bundesstiftung
LiveKultur

„Der Vorteil gegenüber einer staatlichen Zwangsabgabe ist: Wir können als
Branche selbst austarieren, wohin die Gelder fließen – realitätsnah,
solidarisch und nicht politisch getrieben.“

„Die Idee ist ja: Die Stars von heute finanzieren die Stars von morgen. Wir
sind halt Idealisten – und hoffen auf die Solidarität der gesamten Branche.“

Isabel Roudsarabi – Mitgründerin & Geschäftsführerin, Höme

„Es ist schade, dass wieder die Käufer*innen zahlen müssen, während große
Ticketingunternehmen außen vor bleiben.“

„Wir brauchen einen Dialog auf Augenhöhe mit den Großen, damit sie ihr
Geschäftsmodell so ändern, dass es für alle besser wird.“


Über den Fonds

Der Live Music Fund Germany wird ab 2026 über Ticketplattformen,
Spielstätten und Veranstalter*innen als solidarische Abgabe und freiwillige
Spendenfunktion umgesetzt. Die Mittel fließen in drei Fördersäulen:

  1. Nachwuchs- und Clubförderung – Unterstützung kleiner
    Spielstätten, Ersttourneen und Festivals.
  2. Auslastungsversicherung für mittlere Konzerte – Zuschüsse für
    defizitäre Veranstaltungen bis 2.000 Besucher*innen.
  3. Strukturelle Maßnahmen – Förderung von Nachhaltigkeit, Inklusion,
    Diversität und Ausbildung.

Mehr als 30 Gründungspartner*innen aus Clubs, Festivals, Verbänden und
Ticketing unterstützen den Fonds bereits.

Konzert-Zahlen 2024: Mega-Events boomen, Clubkonzerte stagnieren

Die Bundesstiftung LiveKultur will mit dem innovativen Live Music Fund Germany einen Ausgleich schaffen

Die jüngst von der GEMA veröffentlichten Zahlen zur Konzertlandschaft 2024 liefern auf den ersten Blick ein positives Bild: Über 70 Millionen Besucher*innen bei 250.000 Konzerten bedeuten ein neues Allzeithoch – mehr Menschen als je zuvor haben in Deutschland ein Konzert besucht. Immerhin 63 % der Besucher*innen und somit der größte Teil, nämlich über 44 Millionen besuchten dabei Konzerte in Clubs mit einer Kapazität von bis zu 2.000 Besucher*innen.

Bei genauerem Hinsehen wird jedoch klar: Das Fundament der Livemusik bleibt geschwächt, während Großevents boomen.

„Die Zahlen sind ein Weckruf mit zwei Botschaften: Ja, Livemusik lebt – aber sie wird an der Spitze fetter und an der Basis dünner,“ sagt Felix Grädler, Vorstand der Bundesstiftung LiveKultur sowie der LiveKomm. „Wir brauchen jetzt gemeinschaftliche Modelle wie den Live Music Fund Germany, um das Gleichgewicht im Ökosystem Livemusik wiederherzustellen.“

Clubkonzerte stagnieren – Großevents explodieren

Laut GEMA fanden über 91 % aller Konzerte im Jahr 2024 in Spielstätten mit maximal 500 Besucher*innen statt – das sind rund 228.842 Konzerte. Trotz eines leichten Zuwachses gegenüber 2023 liegt dieses Segment noch immer 5,9 % unter dem Vor-Corona-Niveau von 2019. Gleichzeitig haben Mega-Konzerte mit über 50.000 Besucher*innen um 56 % zugelegt – das stärkste Wachstum aller Größenklassen.

Besonders alarmierend: Im Cluster „bis 500 Besucher*innen“ liegt die durchschnittliche Besuchendenzahl pro Konzert bei nur rund 122 Personen – deutlich unter einer wirtschaftlich tragfähigen Auslastung. Man könnte also auch sagen, dass die Live-Landschaft aus Grassroot-Konzerten besteht, bei denen niemand ausreichend verdient. Das unterstreicht, wie dringend dieser Bereich strukturell gestützt werden muss. Denn ohne kleine Konzerte, mit denen Newcomer zu kommenden Stars heranwachsen, werden auch Großevents künftig weniger werden – der „Circle of Live” wird zerstört.

„Diese Schieflage kann auf Dauer nicht gutgehen. Die Stars von morgen stehen in den Clubs von heute – aber genau dort fehlen die Mittel, um Risiken einzugehen und Newcomer*innen zu fördern,“ so Karsten Schölermann, der Vorsitzende der Bundesstiftung Livekultur.

Neuer Finanzierungsansatz: Der Live Music Fund als Antwort aus der Branche

Die Bundesstiftung LiveKultur arbeitet gemeinsam mit der LiveKomm, dem Bundesverband der Musikspielstätten, und anderen Branchenverbänden und Veranstalter*innen aus der Livemusikbranche an einem freiwilligen Gemeinschaftsfonds – dem Live Music Fund Germany. Er soll u. a. durch kleine Ticketabgaben bei Großkonzerten finanziert werden und gezielt Clubkonzerte, kleine Festivals und Nachwuchstourneen fördern. Dabei wollen v.a. die Ticketing-Anbieter einen Beitrag leisten – das Publikum kann sich optional daran beteiligen.

Wenn 228.000 kleine Konzerte das Rückgrat unserer Musikkultur bilden, brauchen wir eine wirtschaftliche Absicherung dieser Vielfalt. Die großen Player profitieren längst wieder – jetzt ist der Moment, in die Zukunft zu investieren“, erklärt Grädler.

Die Bundesstiftung ruft Politik, Ticketing-Plattformen und große Veranstalter*innen auf, sich am Aufbau des Fonds zu beteiligen. Erfreulich wäre es zudem, wenn sich auch Profiteure des „Live-Boom“, wie die GEMA, die auch dank steigender Erträge im Bereich „Live“ profitiert, am Fonds aktiv beteiligen und somit in den eigenen Nachwuchs investieren würden.

Denn die aktuellen Zahlen zeigen: Wer nur auf die Spitze der Pyramide setzt, riskiert das Fundament der Livemusik in Deutschland.

Hier finden sich die Ergebnisse der GEMA im Detail:

https://www.gema.de/de/aktuelles/song-economy/konzerte-in-deutschland-2024

Weitere Details zum Live Music Fund: