Ausfallgeld für Musik in Deutschland Livemusikkultur – BDKV & LiveKomm

1.1. Aktuelle Lage

Durch die notwendigen, gesundheitspolitischen Maßnahmen für die Eindämmung von COVID-19 entstehen dem deutschen Kulturbetrieb mit seinen Künstler*innen, Clubs und Solo-Selbstständigen sowie den Vermittler*innen zwischen Spielstätten und Künstler*innen – ohne deren Arbeit Künstler*innen nicht auf die Bühne gelangten und Clubs leer dastünden –  ein kaum zu reparierender Schaden.

 

Dieser ist bereits jetzt schon existenzbedrohend. Erste Insolvenzen zeichnen sich ab. Vor allem die freiberuflichen Künstler*innen sowie ihre Künstlervermittler*innen ebenso wie die privatwirtschaftlich agierenden Musikspielstätten, die in der Regel größtenteils ohne öffentliche Unterstützung auskommen, sind ohne die notwendigen Einnahmen und Erlöse kaum überlebensfähig und agieren in ihrer Kosten- und Erlösstruktur im Grenzkostenbereich. Die kleinen und mittelständischen Kulturbetriebe und Dienstleister*innen können diese Krise jedoch ohne finanzielle Zuschüsse nicht überstehen und Deutschland wird einen ganzen Branchenbereich massiv verlieren.

 

Zum Schutz der Bevölkerung und um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen wurden seit Anfang März 2020 viele nationale und internationale Tourneen, Auftritte und Events abgesagt oder verschoben. Ab dem 13. März mussten in Deutschland vielerorts die Clubs auf behördliche Anordnung gemäß Infektionsschutzgesetz komplett geschlossen werden. Gemäß einer ersten empirischen Untersuchung des Bundesverbands der Veranstaltungswirtschaft müssen bis Ende Mai 2020 rund 80.000 Veranstaltungen abgesagt werden. Eine Blitzumfrage der LiveKomm (Laufzeit 10.-12. März 2020) macht deutlich, dass es bereits Anfang März, seit Erscheinen der ersten Nachrichten über Covid-19-Erkrankungen in Deutschland, zu einem deutlichen Einnahmeverlust durch einen Besucher*innenrückgang von circa 25 % aufgrund der Verunsicherung der Bevölkerung kam. Schon vor den offiziellen Veranstaltungsverboten mussten die Clubs daher 20 % der Konzerte auf einen späteren Zeitpunkt verlegen. Honorareinnahmen der Musiker*innen brachen damit genauso weg wie die Einnahmen ihrer Vermittler*innen sowie der Clubs, Festivals und Solo-Selbstständigen wie sonstigen kleinen Dienstleister*innen aus der Veranstaltungswirtschaft. Die damit existenzielle Notlage dieser einzelnen Akteure der Veranstaltungswirtschaft wird immer deutlicher.

 

Die fehlenden Einnahmen wirken sich vor allem auf die kleinen Musikbühnen und Clubs aus, deren Fortbestand von einem mehrwöchigen Veranstaltungsverbot akut gefährdet ist. Mit dem Fehlen dieser Bühnen, sei es in den Metropolen oder im ländlichen Raum, ist nicht nur der gesamte musikalische Nachwuchs und damit die kulturelle Vielfalt in Gefahr. Wenn keine Veranstaltungen stattfinden und in Folge derzeit geschlossener Spielstätten nicht einmal in der Zukunft gebucht werden können, haben auch die zahlreichen, zumeist „Ein-Mann*Frau“-Künstler*innen-Agenturen, ohne deren Arbeit keine Künstler*innen auf die Bühnen des In- und Auslands gelangen, keine Einnahmen mehr. Den ausübenden Künstler*innen wird damit auch noch lange nach dem hoffentlich baldigen Ende der aktuellen Krise die Auftragslage komplett fehlen. Angebotene Kredite können die betroffenen Kulturschaffenden aufgrund fehlender Einnahmen und Gewinne gar nicht zurückzahlen – und sind daher auf finanzielle Unterstützung ohne Rückzahlung und Sofortmaßnahmen angewiesen.

 

Im Festivalbereich, der normalerweise in der Sommersaison Hunderttausende zumeist in Kommunen im ländlichen Raum zusammenbringt und an vielen Orten oft einer der größten Umsatzbringer und temporären, lokalen Arbeitgeber*innen darstellt, ist die Prognose ebenso dramatisch negativ. Die im Bundesnetzwerk des „Festivalkombinat“ in der LiveKomm organisierten kleinen und mittleren Festivals – die überwiegend im ländlichen Raum stattfinden – sind gemäß einer Blitzumfrage der MusicBase e.V. (Teil der LAG Soziokultur –  ImPuls Brandenburg, vom 13.-17. März 2020) mit Ausfällen im dreistelligen Millionenbereich konfrontiert – ohne diese kompensieren zu können. Viele der Träger*innen sind sogar Vereine, die auf solche Ausfallschäden gänzlich unvorbereitet sind.

 

 

1.2. Umsetzung

LiveKomm und der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) wählen hiermit einen pragmatischen Ansatz für Künstler*innen, Clubs und Solo-Selbstständige wie Kleinstbetriebe aus der Veranstaltungswirtschaft. Die Initiative Musik gGmbH könnte als anerkannte Fördereinrichtung der Bundesregierung und Musikwirtschaft die Abwicklung unterstützen. Hier wurden bereits über 4.000 Förderungen aus Mitteln des Bundes mit einem Volumen von 42 Mio. EUR zuverlässig realisiert.

Unser Vorschlag: Für eine Übergangszeit von ca. 6 Monaten sollen Künstler*innen, Clubs, Festivals und Solo-Selbstständige wie Kleinbetriebe aus der Veranstaltungswirtschaft nicht rückzahlbare Zuschüsse für Ausfälle aufgrund der gesundheitspolitischen Maßnahmen gegen COVID-19 bereitgestellt werden.

Für das hier dargestellte Soforthilfe Paket wird insgesamt ein Hilfsfonds von 90,54 Mio. EUR für 6 Monate als notwendig erachtet. Damit könnte 5.000 professionellen Musiker*innen, 500 Clubs, 1.300 Solo-Selbstständigen/Kleinunternehmen der Veranstaltungswirtschaft sowie 550 Festivals geholfen und ihr Überleben gesichert werden.

 

Dieses Soforthilfeprogramm ersetzt keine der bereits laufenden Maßnahmen des Bundes und der Länder. Es ergänzt den durch die deutschen Bundesverbände der Musikwirtschaft parallel zusammengestellten Bericht zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie vom 25.03.2020.

 

 

1.3. Zielgruppen und Zuschussmodelle

  1. Musiker*innen aus Deutschland

Musiker*innen (von Rock, Pop, Jazz bis zur elektronischen Musik) stellen den Kern unseres Musiklebens dar. Ihre Liveauftritte werden derzeit alle abgesagt, damit bricht die wichtigste Einnahmequelle für die Künstler*innen weg.
Bis zu 5.000 Musiker*innen aus Deutschland erhalten über diesen Fonds auf Antrag für max. bis zu 45 ausgefallene Auftritte (z.B. Konzert, Festival vorwiegend im Inland)

150 EUR pro abgesagter Veranstaltung.

Musikgruppen erhalten diesen Betrag pro mitwirkendem/r Musiker*in inkl. 1 Techniker*in/Tourmanager*in.

Der Antrag auf den Zuschuss erfolgt digital und durch Belege für den jeweiligen Auftritt und dessen Absage. Darüber hinaus muss eine hauptberufliche Tätigkeit als Künstler*in nachgewiesen werden (Nachweis Künstlersozialkasse). Die Kosten sind nur als nicht rückzahlbarer Zuschuss für die Ausfälle kalkuliert. Sie decken die tatsächlichen Verluste nicht und würden daher pauschal gewährt. Damit würde ein/e Künstler*in max. 6.750 EUR erhalten können.

Für den nach obigem Modell kalkulierten Notfallfonds für Künstler*innen ergibt sich folgendes maximales Gesamtvolumen:

22.500.000 EUR

(= im Schnitt: 30 Auftritte * 1.000 Bands * 5 Musiker*innen * 150 EUR)

 

  1. Musikspielstätten/Clubs in Deutschland

Pauschale je abgesagtem Konzert für kleine und mittelgroße Musikspielstätten

Es werden bis zu 45 ausgefallene Konzerte je Club für ca. 500 Musikclubs mit einem Zuschuss unterstützt. Dabei gehen wir von einer durchschnittlichen Kapazität von je 500 Besucher*innen aus.

Der Zuschuss pro Club wird anhand der Anzahl der ausgefallenen Konzerte und der gesamten Besucher*innenkapazität

pro Gast 2 EUR

kalkuliert. Bei einer Besucher*innenkapazität von 300 Personen wären das also 600 EUR je Konzert.

Der Antrag auf den Zuschuss erfolgt digital und durch Belege für die jeweilige Veranstaltung und deren Absage. Die Kosten sind nur als nicht rückzahlbarer Zuschuss für die Ausfälle kalkuliert. Sie decken die tatsächlichen Verluste nicht und würden daher pauschal gewährt.

Für den kalkulierten Notfallfonds für Musikclubs ergibt sich folgendes maximales Gesamtvolumen:

22.500.000 EUR

(= 45 Shows * 500 Clubs in Deutschland * 500 Kapazität * 2 EUR)

 

  1. Künstlervermittler*innen, Solo-Selbstständige und Kleinunternehmen in der Veranstaltungswirtschaft

 

  1. Solo-Selbständige

Um einen Liveauftritt in einem Club zu realisieren bedarf es diverser weiterer Dienstleistungen durch z.B. Choreografen, Regisseure, Bühnen- und Videodesigner, Tourmanager, Stagehands, Booker*innen, Veranstalter*innen bis hin zu lokalen Promoter*innen. Diese Kleinunternehmen mit bis 5 Mitarbeiter*innen und Solo-Selbstständigen fallen in der Regel durch das Netz der angebotenen Sondermaßnahmen. Sie hängen unmittelbar in dieser Ausfallkette und brauchen dringend nichtrückzahlbare Unterstützung.

  1. Konzertdienstleister*innen, Solo-Selbständige,

Künstler-vermittler*innen

Konzertdienstleister*innen und sonstige Solo-Selbstständige erhalten pro abgesagtem Auftritt, bei dessen Stattfinden sie für ihre Leistungen unmittelbar eine Einnahme erzielt hätten,

pro Unternehmen 200 EUR.

Künstlervermittler*innen erhalten für jeden abgesagten Auftritt, bei dessen Stattfinden sie für ihre Leistungen unmittelbar eine Provisionseinnahme erzielt hätten,

pro abgesagtem Auftritt 300 EUR.

Mit der Höhe dieses Betrags soll der Tatsache Rechnung getragen werden, dass Künstlervermittler*innen derzeit nicht einmal Buchungen für die Zukunft vornehmen können, da nirgendwo Veranstaltungsbüros besetzt sind.

Wir gehen von 1.300 Dienstleister*innen (Solo-Selbstständige und Mitarbeiter*innen in Kleinunternehmen der Veranstaltungswirtschaft) aus, die wöchentlich im Schnitt 4 Shows betreuen. Das sind in 6 Monaten bis zu 100 Shows.

Für den kalkulierten Notfallfonds für Solo-Selbstständige und Kleinunternehmen der Veranstaltungswirtschaft ergibt sich folgendes maximales Gesamtvolumen:

22.500.000 EUR

(= 100 Shows * 1.000 Solo-Selbstständige * 150 EUR
+ 100 Shows * 250 Solo-Selbstständige * 300 EUR)

  1. Kleine und mittlere Festivals

Die Festivalplattform HÖME verzeichnet aktuell 685 vergleichbare kleine und mittlere Festivals (bis 10.000 Besucher*innen pro Tag) in ganz Deutschland, von denen schätzungsweise 80 %, also etwa 550 Festivals, akut betroffen sind.

Vom Verband hochgerechnet ergibt dies Ausfallkosten in Höhe von 232,6. Mio. EUR für 550 Festivals. Daher erscheint ein Zuschuss in Höhe von

10 % des Nettoumsatzausfalles

für betroffene Festivals angemessen, max. jedoch 50.000 EUR pro Festival. Seinen Vorjahresumsatz muss das Festival durch Vorlage einer Gewinn- und Verlustrechnung nachweisen. Im Ziel sind Festivals adressiert, deren gebuchte Künstler*innen mindestens zu 51 % mit eigenem Repertoire auftraten oder künstlerische DJs im letzten Jahr waren.

Dies wäre ein relevanter Beitrag, um die Überlebensfähigkeit der Festivals, bzw. den dahinterstehenden juristischen und natürlichen Personen massiv zu erhöhen, was für die austragenden Gemeinden im ländlichen Raum von sehr großer Bedeutung ist.

10 % von 232,6 Mio. EUR = 23,26. Mio. EUR – gerundet 22,5 Mio. EUR

 

  1. Aufwand zur Durchführung

Für die Programmbeschreibungen, die Einrichtung der Förderdatenbank, die Antragsberatung, die Kommunikation der Programme und die Durchführung (inkl. der Prüfung) dieser drei Förderangebote kalkulieren wir einen zusätzlichen Bedarf von insgesamt 0,6 Prozent der gesamten Fördersumme.

0,6 % von 90 Mio. EUR = 540.000 EUR

Daraus ergibt sich folgende Gesamtsumme:

90.540.000 EUR

  • 500.000 EUR für Musiker*innen
  • 500.000 EUR für Clubs
  • 500.000 EUR für Solo-Selbstständige und Kleinunternehmen der Veranstaltungswirtschaft
  • 500.000 EUR für kleine und mittlere Festivals
  • 000 EUR Durchführung

Die Initiative Musik hat eine eigene Haushaltsstelle im Einzelplan 04 bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien: 684 22 -182.

1.4. Zeitplan

Mit dem Notfallfonds sollen Ausfälle in der Livemusikbranche in Deutschland, bedingt durch die politischen Maßnahmen gegen die Ausbreitung von COVID-19, ab März 2020 für ca. 6 Monate bezuschusst werden. Dies ist das erste Paket für die Musikwirtschaft und Musikkultur und fokussiert die Musiker*innen und die abgesagten kleinen und mittleren Live- Veranstaltungen.

 

 

Mit freundlichen Grüßen

Karsten Schölermann & Marc Wohlrabe, Vorstand LiveKomm

Pamela Schobeß, 1. Vorsitzende Clubcommission Berlin

Prof. Jens Michow, Präsident Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft BDKV e.V.